CCPY Update 99 Mai 1998
Aus der Sicht der Yanomami
Die Nachwirkungen der Brände: Die richtige Art Hilfe bereitzustellen
Die Nachrichten von den Bränden, die durch Roraima wüteten und die Yanomami bedrohten, machten auf der ganzen Welt Schlagzeilen: Während Feuerwehrleute aus Argentinien schnell am Schauplatz waren und die UN wiederholt die Hilfe von Experten anbot, verlor die brasilianische Regierung wertvolle Zeit, ehe sie die Feuer ernst nahm, und nur der glückliche frühe Beginn der Regenfälle über Roraima löschte diese Anfang April. Die Bedrohung der Yanomami löste eine weltweite Welle der Anteilnahme aus. Bei der CCPY gingen reihenweise Hilfsangebote und Vorschlägen ein.
Die Brände sind nun gelöscht, und die Rauchwolken haben sich verzogen. Die akute Gefahr ist gebannt, doch man muß sich mit den Folgen der Waldbrände und mit der außergewöhnlich schweren Dürre befassen, die zu ihnen führte. Jetzt sind genauere Abschätzungen der verursachten Zerstörungen möglich. Die CCPY hält es für äußerst wichtig, daß die verständliche Welle von Hilfsangeboten für die Yanomami nicht zu unüberlegten Lösungen führt, die neue Abhängigkeiten schafft.
Die Lösung des Nahrungsmittelproblems
Die Regierung hat damit begonnen, an Kleinbauern, die ihre Ernte verloren haben, und an die Macuxi und andere indigene Gruppen, die im Savannengebiet leben, Lebensmittelpakete auszuteilen. Das UN Nothilfe-Team und andere Organisationen empfehlen Lebensmittelhilfe. Während dies für einige sicherlich eine Lösung darstellt, sind Nahrungsmittelpakete jedoch NICHT die richtige Lösung für die meisten Yanomami, außer, wenn diese zu krank sind, um sich selbst versorgen zu können.
Die Yanomami betreiben traditionell eine Subsistenzlandwirtschaft und setzen dabei hauptsächlich auf Grundnahrungsmittel wie Bananen und Cassava, und sammeln viele Früchte aus dem Wald. Sie ergänzen diese Ernährung durch Jagd und Fischerei. Bei Nahrungsmangel durch eine verspätete Ernte oder durch Dürre wandern die Yanomami wochenlang durch den Wald und ernähren sich ausschließlich von Waldprodukten. Die klimatischen Bedingungen in diesem Jahr waren extrem ungünstig. Die Yanomami waren besonders in Regionen, in denen Goldsucher, Jäger oder illegale Siedler den Wald bereits geschädigt hatten, mit einer außergewöhnlich schwierigen Situation konfrontiert. Kranke Yanomami aus diesen Gebieten werden mit Nahrungsmitteln versorgt, die die britische NRO Oxfam von der EU erhalten hatte.
In den späten 80er Jahren machte die Invasion tausender Garimpeiros viele vder Indianer abhängig von nicht-traditionellen Nahrungsmitteln. Sie vernachlässigten ihre Gärten und die üblichen Gewohnheiten, Nahrungsmittel zu sammeln, weil die Garimpeiros damit begonnen hatten, Essenszuteilungen zu verschenken, um sich den guten Willen der Indianer zu erkaufen.
Wenn jetzt unterschiedslos Nahrungsmittelpakete ausgeteilt werden würden, würde dies den Prozess wiederholen der durch die Garimpeiros begonnen worden war. Die Yanomami könnten zu einem abhängigen, und deshalb noch verletzlicheren Volk werden. CCPY schätzt, daß eine solche kurzfristige Lösung auf lange Sicht eine Katastrophe verursachen könnte.
Das Ausmaß der Feuerschäden
Während der Brände kursierten die unterschiedlichsten Schätzungen über die zerstörten Flächen. Heute schätzt INPA, das Nationale Institut für Amazonienforschung, daß insgesamt eine Fläche von 17.000 km2 an intaktem Regenwald von den Bränden betroffen wurde, und daß die Gesamtfläche an tatsächlich verbranntem Wald 9.254 km2 beträgt. Während durch das Feuer viel weniger Yanomami-Land zerstört wurde als zunächst befürchtet, sind die Folgen des Feuers und der Dürre, die die Ursache des Feuers war, für die Yanomami schwerwiegend.
Folgen
1) Zunahme von Malaria:
Dicke Rauchwolken, die wochenlang ein Gebiet mit einem Radius von 300 km rund um Boa Vista bedeckten, machten die Flugbedingungen für kleine Flugzeuge gefährlich und oft unmöglich. Es war dem Gesundheitspersonal nicht möglich, Yanomami-Dörfer zu erreichen, in denen neben Atmungsbeschwerden, Augenentzündungen und emotionaler Anspannung auch noch die Malaria grassierte.
2) Nahrungsmittelknappheit:
In einigen Dörfern wurden Gemüsebeete und Obstbäume zerstört. Flammen und Rauch töteten viele Tiere. Während der Dürre trockneten Flüsse aus und die Fische starben.
Aktionen der CCPY
Am ersten April haben sich in Brasilia die CCPY-Koordinatorin Claudia Andujar, der CCPY-Berater und Anthropologe Bruce Albert, Marcio Santilli vom Instituto Socioambiental (ISA), Davi Kopenawa und zwei weitere Führer der Yanomami, sowie Repräsentanten der Macuxi und Wapixana mit dem Minister für Regionalpolitik, Fernando Catao, Repräsentanten des Umweltministeriums sowie des IBAMA getroffen, um eine Reihe von Maßnahmen zu fordern, die die Situation der indigenen Gruppen in Roraima erleichtern sollten. Sie wurden von Ivan Soares Farias begleitet, einem Anthropologen der FNS in Roraima, der einen Bericht über das Ausmaß der Malariaepedemie unter den Yanomami vorlegte.
Der Minister, der mittlerweile zurückgetreten ist, hatte keine umgehenden Lösungen zu ihren Anträgen, die wie folgt lauteten:
Für die Yanomami-Gebiete waren es:
- Ausreise und entschiedene Kontrolle des Eindringens der Goldsucher, die für das fortwährende Wiedereinschleppen der Malaria verantwortlich sind.
- Erneute Demarkierung der westlichen Grenze des Yanomami-Reservates, wo das Verschwinden von Grenzmarkierungen und der Wege, die diese verbunden hatten, Kleinbauern dazu ermutigt hat, in das Yanomami-Gebiet vorzudringen.
- Ausweisung von Viehzüchtern und Siedlern aus der Region Repartimento River.
- Sofortige Entlassung des Angestellten der FUNAI, der vor vier Jahren einen Yanomami in Ajarani II getötet hatte.
- Kontrolle der Wilderei entlang der Randgebiete des Yanomami-Gebietes, insbesondere in den Siedlungsprojektem, wie dem in der Region Apiau River.
- Einstellung von Straßenbau und dem Errichten von Siedlungen in dem Wald, der an das Yanomami-Gebiet angrenzt.
Für alle indigenen Gebiete waren die Vorschläge:
- Verstärkte Kontrolle der illegalen Jagd und Fischerei in indigenen Gebieten durch die Umweltbehörde IBAMA
- Geldmittel für die Wiederherstellung von Gebieten, die kürzlich durch das Feuer verbrannten und der Gebiete, die durch Bergbau, Waldrodung, etc. degradiert wurden.
- Verfügbarkeit von Karten mit den Satellitenbildern, die von der INPE (Nationales Weltraumforschungs-Institut) von indigenen Reservaten in Roraima und Amazonien gemacht worden sind.
- Aufbau eines Bürgerwehr-Systems durch den Staat Roraima, mit spezieller Ausbildung zum Schutz der Umwelt und den Indianergebieten.
- Ausbildung von Indianern für die Kontrolle natürlicher Resourcen und der Umwelt im Allgemeinen in indigenen Gebieten.
Die Gruppe verlieh ihrer Besorgnis wegen der Malaria Ausdruck und forderte dringendes Handeln, um die Epedemie unter Kontrolle zu bringen.
Aktuelle Situation mit Malaria
Minister Catao (mittlerweile zurückgetreten) schlug zunächst vor, Mediziner-Teams des Militärs auszusenden, um dem Malaria-Notstand zu begegnen. Dieser Lösung stimmte die FNS nicht zu. Stattdessen stellte die FNS einen eigenen Anti-Malaria-Notfallplan vor. Außerdem wurden wichtige Vorräte an Mefloquina, einer Medizin zur Behandlung von Opfern der Malaria, für die Gesundheitsposten bereitgestellt, obwohl diese in Roraima noch nicht allgemein verfügbar ist.
Die FNS berichtet von 1.445 Malariafällen im Gebiet der Yanomami im ersten Quartal 1998, ein Verhältnis von 1.406 Fällen pro 100.000 (oder 10.000) Einwohnern. Beinahe die Hälfte (49%) litten an der schwersten Form, der falciparum. Die am schwersten betroffenen Gebiete sind Auaris, Xitei, Parafuri und Paapui, wo jeder fünfte Indianern erkrankt ist, mehr als die Hälfte mit der schwersten Form (falciparum), vor allem Kinder unter vier Jahren.
Allgemeine Gesundheitssituation
Nach Ansicht von Edgar Dias Magalhaes, dem früheren Koordinator des Yanomami-Gesundheitsprogramms der FNS (DSY), hatten die Brände den folgenden Einfluß auf die gesunheitliche Situation der indigenen Bevölkerung in Roraima:
- Zunahme der Malariafälle in Waldgebieten
- Verringerung der Nahrungsmenge und Qualität, was Unterernährung und einer Zunahme von Krankheiten Vorschub geleistet hat
- Verschlechterung der Wasserqualität
- Rückgang der Produktion und Verlust angelegter Gärten, was Hunger zur Folge hat
- Verlust der Kaufkraft auf Grund der Zerstörung von Handelsprodukten (Bananen, Cassava, Mehl)
- Tod von Haus- und Wildtieren.
Die DSY unterhält 24 Gesundheitsposten, jeder davon ist mit 1 bis 15 Yanomami-Dörfern verbunden. Neun werden von NROs, unter ihnen die CCPY, geführt, zwei von der FUNAI und 13 von der FNS.
Bericht des UN-Teams
Ein Team von sieben Mitgliedern der UNDAC (United Nations Disaster Assessment and Coordination) verbrachte eine Woche in Roraima, um die auf Grund der Feuer benötigte Hilfe abzuschätzen. Sie befanden, daß insgesamt 12.000 Menschen direkt betroffen worden waren, wovon 7.000 Nahrung und Wasser benötigten. Neben den Verlusten an Vieh waren Strommasten, Brunnen, Brücken, Schulen und Gesundheits-Zentren beschädigt worden. Sie schlossen, daß die Versorgung mit Nahrungsmitteln, Medizin gegen Malaria, Saatgut und Werkzeug und das Errichten von 72 Brunnen die akuten Bedürfnisse wären.
Für die kommende Zeit schlugen sie ein Umwelt-Gutachten zur Abschätzung der Schäden vor, den Erwerb von feststehenden Satellitenantennen, um örtliche Daten zur Feuerüberwachung zu erhalten, und die Durchsetzung von Brandverboten.
Pläne der Regierung
Umweltminister Gustavo Krause, der von der Presse kritisiert worden war, weil er nicht nach Roraima gegangen war, als die Feuer wüteten, sagte, erste Schätzungen hätten ergeben, daß die Brände Schäden an Acker- und Weideland von etwa 15 Mio. US$ verursacht hätten.
Präsident Cardoso hat dem Aufbau einer Schnelleingreiftruppe zur Vorbeugung und Bekämpfung von Bränden zugestimmt. Das Personal soll dafür speziell ausgebildet und Ausrüstung angeschafft werden.
Internationale Hilfe für die Yanomami
Viele internationale Organisationen haben sich mit praktischen Hilfsangeboten für die Yanomami durch die CCPY zusammengetan.
Oxfam hat Abgesandte nach Roraima geschickt, um die Situation der indigenen Völker auf Einladung des CIR, des Indianerrats von Roraima, zu beurteilen. Ihre Hilfe für die Yanomami besteht aus Mefloquina für Opfer der Malaria, Serum gegen Schlangenbisse und Nahrungsmittelhilfe für Notfälle.
Die französische NRO France Libert‚s/ Fondation Daniele Mitterrand zieht eine Notversorgung mit Medizin über CCPY in Erwägung. MFS Holland werden die medizinische Versorgung auf zehn Gesundheits-Posten der DSY ausdehnen. Oxfam, France Libert‚s und MSF Holland werden durch den EU Notfall-Fonds (ECHO 3) unterstützt. Die britische Botschaft erwägt den Bau eines Brunnens in Parawa £, einem der Gesundheits-Posten, die von CCPY betrieben werden. Zusätzlich möchte sich CCPY bei allen bedanken, die mit der Organisation Kontakt aufgenommen hatten, und Vorschläge, sowie praktische Hilfe angeboten haben.
Unverantwortliche Siedlungspolitik für die Katastrophe verantwortlich gemacht
Marcio Santilli von der Organisation ISA (und ehemaliger Präsident der FUNAI), kam zu dem Schluß, daß der "unbegrenzte Siedlungsprozess" mehr Einfluß auf die Brände haben könnte, als die El Nino bedingten die Klimaveränderungen. "Unverantwortliche Politiker unterstützen die ungeordneten Wanderbewegungen von Scharen unglücklicher Menschen, meist aus Maranhao nach Roraima". Bei der Ankunft werden sie gezwungenermaßen Wähler dieser Politiker.
Dies sei derselbe Prozeß, der auch die Garimpeiros (Goldsucher) nach Roraima brachte. Die Migranten werden zu armen Bauern in Siedlungen, die sich im Waldgebiet befinden. Sie entwalden diese Gebiete an den Grenzen zu indigenen Regionen und Naturschutzgebieten. Sie roden den Wald, und versorgen damit örtliche Sägewerke. Ohne ausreichende Unterstützung schaffen sie es aber nicht, ihr Auskommen in der Landwirtschaft zu verdienen, und verkaufen langfristig ihr Land an Viehzüchter.
"Die Situation wurde durch Streit zwischen den verschiedenen politischen Gruppierungen um die Kontrolle über die Ministerien verschlechtert, die mit der Landvergabe betraut sind. ... Diese chaotische Politik hat zu Streitereien um Land in einem Staat geführt, der bei einer Fläche von 225.000 km2 weniger als 300.000 Einwohnern hat. Selbst nach Abzug der 55%, die die indigene Bevölkerung des Staats für sich beansprucht, hat Roraima immer noch eine der geringsten Bevölkerungsdichten in Brasilien und der Welt. Dennoch sind örtliche Politiker gegen die Demarkierung von indigenen Gebieten".
Santilli berichtet weiter, daß die selben Politiker jetzt versuchen, die Kontrolle über die von der Bundesregierung bereitgestellten finanziellen Hilfsmittel zu gewinnen, um sie für ihren eigenen Wahlerfolg zu nutzen.
Friends of the Earth berichtent über erhöhte CO2-Emmission
Die Umweltorganisation Friends of the Earth hat berechnet, daß die Brände in Roraima 125 Mio. Tonnen CO2 in die Atmosphäre freigesetzt haben. Sie behaupten, daß dies den gesamten CO2-Emmission entspricht, die Sao Paulo, eine Stadt mit 10 Mio. Einwohnern, in zehn Jahren verursacht.
Garimpeiros
Die Brände haben das Problem mit den Garimpeiros in den Hintergrund gerückt. Berichte aus Roraima besagen jedoch, daß viele von ihnen in dem Gebiet der Yanomami verblieben sind, nachdem die Ausweisungs-Operation der Regierung im Januar geendet hatte. Die CCPY brachte das Thema im April während einem Treffen mit dem Bundesminister für Menschenrechte, Jose Gregori, vor. Seitdem war zu hören, daß die Operation bald wieder aufgenommen wird. Ein großer Teil der Kosten für die Bekämpfung von Malaria könnte gespart werden, wenn die Bemühungen ständig aufrechterhalten würde, die Garimpeiros aus dem Yanomami-Gebiet auszuweisen, und sie auch draussen zu behalten.
Die CCPY ist eine brasilianische, unabhängige und gemeinnützige Organisation. Die Hauptziele bestehen in der Unterstützung der Yanomami sowie in der Verteidigung ihres Ülebens, ihrer Rechte, ihrer Kultur und ihres Landes.
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Editorial Coordination: Claudia Andujar.
Jornalist and editor: Jan Rocha.
Correspondent: Carlo Zacquini.
Die englisch-sprachige Version der Updates werden produziert Dank der gemeinsamen Unterstützung von FAFO (NORWAY) und OXFAM (UK).
SP March 27, 1998
Die deutschsprachige Ausgabe wird von Pro REGENWALD übersetzt (Bärbel Reissmann, Hermann Edelmann, u.a.) und auf Wunsch verschickt.
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